A.S.H. Pelikan

(* 1953 in Zinse, Kreis Wittgenstein) ist ein deutscher Musiker, Songwriter, Gitarrenlehrer und Schriftsteller. Pelikan gilt als einer der erfolglosesten Duisburger Autoren und Liedermacher der letzten 40 Jahre. Weltweit hat er 984 Bücher und 637 CDs verkauft.
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Diese Webseite wurde als Idee im Jahr 2000 geboren (nachdem ich meinen ersten Computer mit Internetzugang bekommen hatte) und sollte ursprünglich nur das Beste meiner literarischen Bemühungen von 1971 bis zur Gegenwart präsentieren. Also ließ ich mir den Domain-Namen dafür sichern … und dann geschah lange Zeit nichts mehr.

Bis ich im Oktober 2009 und Juli 2010 in meinem zweiten und dritten CD-Booklet den Satz stehen hatte, daß die Songtexte unter www.ashpelikan.de einzusehen wären. Da die Seite aber immer noch nicht existierte, dachte ich, das jetzt baldmöglichst mal ändern zu sollen und fragte meinen Bookletdesigner Mani Wollner, wer denn eigentlich seine Seite eingerichtet habe. Antwort: er selber – und 48 Stunden später war die erste pelikanesische Homepageversion mit vorerst nur 20 Songtexten dann bereits online. Und seitdem hat sich diese Webseite einfach weiterentwickelt zu etwas, das mit dem ursprünglichen 2000er-Plan überhaupt nichts mehr zu tun hat. So kann’s gehen…

Hinweis: Alle Fotos sind durch Anklicken vergrößerbar.


Sondermeldung (5)

“Pelikan ist der Beste” jauchzte seine Gitarrenschülerin Patrizia B. anläßlich einer Umfrage der OTZ [Obermarxloher Trivial Zeitung] im Oktober 2016 zu Duisburger Lokalmatadoren, “dem kann keiner das Wasser reichen.”

Und so gern ich das auch glauben würde, hat OTZ-Fotograf Max Hollywood (der Sohn der Duisburger Musikerlegende Al Hollywood) mir mit nachfolgender Aufnahme leider doch gleich schon wieder allen Wind aus den Illusions-Segeln genommen.

Jazz-Drummer Birdy Steppuhn (rechts), Gitarrenlehrer Pelikan ganz locker das Wasser reichend.


Herbstanfang

Liebe Su,

heute ertappte ich mich um kurz nach 6 Uhr morgens [mein Wecker war wie immer auf 10:30 Uhr gestellt] im Halbschlaf dabei, daß ich einen bestimmten Gedanken zum Songbook im Kopf hatte, nämlich einen bisher nicht auf dem Plan stehenden Liedertext (Ready to Roll) anstelle eines anderen (Living in the City) einzusetzen, weil er dem Aspekt der Geschichte, die ich dazu erzählen wollte, näherkommt und eigentlich, obwohl er viel kürzer und viel simpler ist, als Text sogar stimmiger sein dürfte. Dann machte ich Licht, schrieb eine kurze Erinnerungsnotiz auf den für diese Fälle neben meinem Bett plazierten Zettelblock mit Kugelschreiber, konnte danach aber nicht wieder einschlafen und hörte erstmal 40 Minuten Musik über Kopfhörer.

Dann versuchte ich weiterzuschlafen, was mir aber auch nicht gelingen wollte, und so beschloß ich, mir den frühen Morgen und die erfrischend kühle Luft draußen (11°) mal näher anzusehen und anzuspüren und ging zum Frühstückzutaten einkaufen um 7:30 zu Penny. Daß die Verkäuferinnen nicht vor Überraschung, mich um diese Tageszeit zu sehen, glatt umgefallen sind, ist mir immer noch unbegreiflich.

Zurück zu Hause – ziemlich müde – beschloß ich, zu frühstücken und dann erstmal an der mir im Halbschlaf gekommenen Idee weiterzuarbeiten. Mich nochmal hinlegen könnte ich später ja immer noch.

Und so geschah es. Und der Ready-to-Roll-Text ist nach eingehender Überprüfung jetzt ins Buch aufgenommen worden und soll im nächsten Jahr auch noch (mit Baß und Schlagzeug) für die Bonus-CD des Buches neu eingespielt werden.

Dann beschäftigte ich mich mit einem mir vor ein paar Tagen gekommenen Gedanken, über den ich bisher noch nicht entschieden hatte, nämlich ob ich ein bestimmtes Lied (On-the-Road-Friends) mit ins Buch aufnehmen sollte, weil ich kein anderes habe, welches mir sonst so gut das Stichwort liefert, um über meine Urlaubsreisen in den 70er Jahren berichten zu können: nach London, Paris und Amsterdam.

Und nachdem ich den Text gefunden hatte, versuchte ich, mich an die Melodie (geschrieben am 17. Januar 1975) zu erinnern und bekam das für die Strophen auch problemlos hin, und dann griff ich zur Gitarre. An die Melodie der Bridge konnte ich mich dagegen nur noch zu schätzungsweise 80 % erinnern und legte dann einfach neue 100 % fest. Und dann fing ich an, die Gitarrenbegleitung noch ein wenig zu arrangieren, und dann war es 11:30 Uhr und ich ging nochmal schlafen.

Zwei Stunden später war ich wieder wach, guckte erstmal, was der Tag noch gebracht hatte (ein Päckchen mit einem Briefwechselband von Astrid Lindgren), und dann nahm ich mir erneut die Bridge vor, arbeitete noch ein wenig an der Melodie und fügte auch dem Text noch vier, fünf Worte hinzu … und dann hatte ich ein weiteres Lied für meine Bonus-CD-Aufnahmesession in den Herbstferien beim Rammi fertig. Und um mein aktuelles Arrangement nicht zu vergessen, nahm ich das Ganze noch eben rasch mit einem einfachen Rekorder auf, und dann setzte ich mich hin, um diese Mail an dich zu schreiben.

Ich bin sehr glücklich, zwar etwas müde, aber das stört nicht weiter. In einer halben Stunde muß ich zum Gitarrenunterricht nach Rheinhausen, und ich freu mich drauf. Bisher war es ein ungewöhnlich abgelaufener, jedoch vom Gefühl und Ergebnis her perfekter Tag.

Künstlergrüße nach Jena von Pelikan


AUSZ ist noch nicht aus!

Ich hatte/habe 2 Duisburger Lieblingsbands. In den 2010er Jahren ist das “New Incident”, und in den 1970er Jahren war das “Ausz”. Seltsamerweise ist mir die große Parallele zwischen diesen Musikgruppen erst beim 2. oder 3. New-Incident-Konzert aufgefallen: daß improvisierte Passagen und sogar komplett improvisierte “Lieder” bei beiden Bands nämlich wesentliche Bestandteile ihres jeweiligen Programms (gewesen) sind. Und obwohl die jüngere Band mehr vom Jazz und die ältere mehr vom Rock beeinflußt worden ist, klingen einige Stellen so, daß sie auch von der jeweils anderen Band stammen könnten.

Und ist das nun Zufall, daß die jeweiligen Bandleader auch meine 2 (von 3) besten Freunde sind? Als da wären: Birdy Steppuhn, der Drummer von New Incident (seit mehr als 20 Jahren), und (seit mehr als 40 Jahren) Kalle Burandt, der Baßist von Ausz. [Und an dieser Stelle sei auch noch ein herzlicher Gruß an Jürgen in Regensburg gesandt.]

New Incident besteht seit 2011, und Ausz existierte von 1973 – ’77. UND AKTUELL ERNEUT WIEDER SEIT Mai 2016. Lediglich der in München lebende Gitarrist Peter Dietz ist heute nicht mehr dabei, so daß die aktuelle Ausz-Besetzung aus einem Baßisten (Kalle Burandt), Schlagzeuger (Lucky Ruhnau) und Saxophonisten (Martin Urrigshardt) besteht. Ohne Sänger.

Und ist es Zufall, daß die Instrumentierung von New Incident Baß (Ralf Wißdorf), Schlagzeug (Birdy Steppuhn) und Saxophon (Freddy Gertges) ist? Ebenfalls ohne Sänger.

Im Februar dieses Jahres trafen sich Kalle, Lucky und Martin (also ein dreiviertel Ausz) beim “Lucky Day” im Grammatikoff zum ersten Mal seit 3 Jahrzehnten oder so gemeinsam wieder, und das war dann der Initialfunke, der sich in den kommenden Wochen zum Reunionflächenbrand entwickelte. Kalle und Lucky leben nach wie vor in Duisburg, während Martin schon seit Jahrzehnten im Schwarzwald zuhause ist. Also dürften Proben dann doch recht schwierig sein, oder? Nicht für Ausz, denn dieses neue Ausz-Gefühl hat vor allem mit dem bereits in den 1970er Jahren geprägten Begriff AUSZ-ART zu tun, wozu eben nicht nur Musik gehört, sondern als neuestes Instrument der gemeinsamen Vielfalt die eigene Website. Aber natürlich steht Ausz auch heute noch für Musik. So spielte Kalle in seinem Wohnzimmer beispielsweise eine Baßspur auf Diktiergerät ein, Lucky schaltete das Handy in seinem Percussionkeller auf record, und Martin setzte das Ganze im schwarzwäldischen Tonstudio unter Hinzufügung von Saxophon- und Keyboardklängen zu einem neuen Ausz-Song zusammen. Und als Gast ist bei einem dieser neuen “Stücke” auch der Keyboarder Georg Mahr mal mit von der “Jeder für sich und alle für Ausz”-Partie gewesen.

Und ist es Zufall, daß New Incident auch gerne mit Gastmusikern arbeiten?

Die Ausz-Website hat allerdings nicht nur aktuelle Auszmusik, sondern auch noch 53 klassische Auszklangminuten aus dem Jahr 1977 zu bieten.

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D E R   F Ü N F T E   B E A T L E

Gedankensprung. – Der fünfte Beatle, wer war das eigentlich? Stuart Sutcliffe? Pete Best? Billy Preston? Oder vielleicht doch Peter Stormares Dixie aus “The Million Dollar Hotel”? [Habt ihr mal seine Version von "I Am the Walrus" im Bonusteil der DVD gesehen und gehört? Phantastisch!]

Aber egal … doch darüber, wer “Der fünfte Auszer” war, gibt es keinerlei Zweifel: das war Pelikan! Ich bin nämlich ein absoluter Hardcore-Fan gewesen und habe so gut wie keinen Auftritt und – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt – auch kaum eine Ausz-Probe verpaßt. [In exakt dem Ausz-Kellerprobenraum der Schule an der Lüderitzallee in Buchholz sollte ich 20 Jahre später mal einen Volkshochschulgitarrenkurs abhalten, habe mich allerdings - wegen der fensterlosen und deshalb doch etwas bedrückenden Atmosphäre - schlichtweg geweigert.]

Musikmachen gehörte für mich bis in die 90er Jahre hinein zum mit wichtigsten Bestandteil meines Lebens, hat seitdem aber stark an Unentbehrlichkeit und Faszination eingebüßt. Ich drücke mich heute viel lieber (und auch besser) mit Worten aus. Musik berührt mich einfach nicht mehr in dem Maße wie früher, so daß ich heutzutage auch kaum noch zu Konzerten gehe. Nach 50 Jahren Musikhörens kenne ich die Rockmusik-Klischees einfach viel zu gut, um von lokalen Bands noch auf für mich interessantes Neuland geführt werden zu können. Mit Ausnahme von New Incident. Und auch Ausz stachen vor 40 Jahren aus dem Duisburger Bandangebot recht deutlich hervor. Am liebsten wäre ich damals natürlich als vollwertiges Mitglied eingestiegen, mußte aber neidvoll anerkennen, daß ich einfach nicht der richtige Mann für die Auszmusik war. Zumal die Band in Peter Dietz schon einen sehr ungewöhnlichen und experimentierfreudigen Gitarristen besaß, der für den spontanen Auszklang viel besser geeignet war als ich eigentlich nur an Rhythm’n'Blues geschulter Rhythmusgitarrist. Und auch als Sänger – was wir im Januar 1974 tatsächlich mal ungefähr 3 Proben lang auszprobiert haben – bin ich andere Arten von Melodien als die Burandt’schen gewohnt und deshalb auch keine qualitätssteigernde Option gewesen.

Martin, Lucky, Kalle, Peter und Pelikan im Mai 1977 (Foto: Schnuff)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und so verlegte ich mich dann auf meine andere Stärke und verfaßte 1978 eine “Geschichte”, in der meine Ausz-Helden eine Art Empfangskomitee für Billy Cobham, Stanley Clarke und Eric Clapton darstellen.

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A   S A T U R D A Y   A F T E R N O O N   I N   E S C H H A U S

Ein Film von A.S.H. Pelikan

Darsteller:
Francis Serafini als Wolfgang Esch
Hellmut Hattler als Kalle Burandt
Dean Martin als Lucky Ruhnau
Eric Clapton als Peter Dietz
Peter Falk als Martin Urrigshardt
Georg Mahr als Eric Clapton
Sammy Davis, Jr. als Billy Cobham
Dick Heckstall-Smith als Dick Heckstall-Smith
James Button als Stanley Clarke
Alan Bourdillion Traherne als H.C. Artmann
Congo Johnson als A.S.H. Pelikan

Kalle, Lucky, Peter und Martin stehen im Eschhaus an der Theke und trinken Tomatensaft. Wolfgang steht hinter der Theke und poliert Gläser. Eric, Billy und Stanley kommen herein.

Eric zu Billy, in ehrfürchtigem Tonfall: Ah, so this is the famous Ash House.
Und an Ausz gewandt: Hey, can anybody tell me what’s happening here on a Saturday night?

Lucky: Oh sure.

Martin: It’s a marvellous place for playing the saxophone.

Stanley: Really?

Lucky: Oh sure.

Einige Statisten laufen durchs Bild.

Billy zu Wolfgang: One table and half a bottle of whisky, please.

Stanley zu Eric: Let’s look for the concert manager.

Kalle zu Wolfgang: Noch vier Tomatensaft.

Wolfgang reicht Billy einen Tisch und eine halbe Flasche Whisky.

Eric zu Peter: Please, can you tell me where I can find the concert manager?

Peter: He’s right around the corner.

Martin: The guy with the saxophone.

Billy, laut: Would anybody like to have a whisky with me?

H.C. und A.S.H. aus dem Hintergrund: Yeah!

Billy: Come on!

Stanley zu Wolfgang: Where are all the girls in this movie?

Dick kommt marvellous saxophonspielend um die Ecke.

Eric, erstaunt ausrufend: Hey Dick, old house, what are you doing here?

Dick, ebenfalls überrascht: Eric, Billy, Stanley, nice to see you.

Billy: Whisky, Dick?

Stanley: Tomato juice, Dick?

Eric: And I’ll say it again. What are you doing here?

Martin zu Dick: Wie spät ist es?

Dick: Oh, hi Martin. Martin, this is Eric. Eric, this is Martin.

Martin: Hi Eric.

Eric: Hi Martin.

Martin: Eric, do you know what time it is?

Eric: Hey Billy, got the time?

Billy: Sorry, but I just lost my watch to H.C. in a poker game.

Eric, laut rufend: H.C., got the time?

H.C., zurückrufend: Wanna buy a watch?

Stanley zu Kalle: And what about you? Are you always so quiet?

Kalle zeigt auf Lucky: That’s Lucky.

Stanley, mißtrauisch: Oh yeah?

Lucky: Oh sure.

Dick zeigt Wolfgang drei erhobene Finger.

Eric zu Dick: What I wanted to know…

Dick: Oh yeah, these guys from Eschhaus wanted me as a concert manager, so here I am. And it’s also a marvellous place for playing the saxophone.

Wolfgang stellt drei Bier auf die Theke.

Dick zu Eric: Beer?

Eric: Yes, thanks. So, Mister Concert Manager, I’d like to know if we can make some music in this place?

Dick, sein zweites Bier austrinkend: Oh, I don’t think that’ll be possible, ’cause the Sheffield Shakers are playing here tonight, Frank Funk and The Disco Devils are playing here tomorrow, a band called Energy is playing here the day after tomorrow, and on Tuesday the house is closed. On Wednesday we start with the Duisburg Dancers, got The Dukes on Thursday, Free Form on Friday, The Masters of Volume on Saturday, The Dietz Duo on Sunday, Glatter Ausz on Monday, and on Tuesday the house is closed. Our programm’s really jam-packed, but what about asking again next month?

Eric überlegt.

Dick trinkt Erics Bier aus und sagt: I’ll be back in a minute, und geht aufs Klo. Als er zurückkommt, ist außer Wolfgang niemand mehr da.

Dick: Where is Eric?

Wolfgang: Going to ask Kalle if he could join the Shakers tonight.

Dick: And where is Kalle?

Wolfgang: Trying to find A.S.H. to ask him.

Dick: And where is Stanley?

Wolfgang: Looking for some girls.

Dick: And where is Billy?

Wolfgang: Trying to find H.C. to win back his watch.

Dick: And where is H.C.?

Wolfgang: Trying to find Martin to sell him a watch.

Dick: And where is Martin?

Wolfgang: Trying to find H.C. to get the time.

Dick überlegt einen Moment, dann: And where are Lucky and Peter?

Wolfgang: I have no idea.

Dick, ungehalten: Okay, if anybody’s asking for me, tell him that I’m right around the corner playing the saxophone.

T H E   E N D

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[© A.S.H. Pelikan, "Was Ich Noch Wagen Sollte oder Was Ich Noch Sagen Wollte", OTZ Verlag Duisburg, Oktober 1978]

 

 

 


Gedicht für Tina

Im Juni 2016 habe ich erfahren, daß Tina Hellebrand (geb. Eberlein) vor ein paar Monaten im Alter von 50 Jahren gestorben ist.

Ich hatte Tina 1981 im Eschhaus kennengelernt, als sie einen meiner dortigen Gitarrenkurse besuchte. Diese Kurse sahen damals noch ein wenig anders aus als heute, denn weil mein Lieder-Repertoire in der Eschhauszeit so gut wie keine Cover-Versionen beinhaltete, war mein Unterricht fast ausschließlich auf pelikanesischen Eigenkompositionen aufgebaut. Da die meisten dieser Lieder einen autobiographischen Hintergrund besaßen, redeten wir zwischen den Übungseinheiten auch schon mal über ihre textliche Komponente, was ein viel persönlicheres Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern hat entstehen lassen, als es heutzutage in meinen Volkshochschulkursen der Fall ist. Und so kam es, daß die sehr aufgeweckte 15-jährige Tina (nur entspannt in eine Kamera zu schauen hatte sie damals einfach nicht drauf) und der noch lange nicht erwachsen gewesene 27-jährige Pelikan recht gute Freunde geworden sind, die einander auch außerhalb des Gitarrenkurses häufig getroffen haben.

Eines abends im Eschhaus sagte ich mal zu ihr: “Du, sollen wir nicht in 10 Jahren heiraten?” – “Gute Idee”, antwortete sie, “aber wen?”, und lächelte mich verschmitzt an.

Doch es sollten weit weniger als 10 Jahre vergehen, bis Tina ihren Traummann in Person des Duisburger Künstlers Andy Hellebrand fand, und weil sie und ich auch über die Eschhauszeit hinaus miteinander befreundet geblieben sind, ist dann auch Andy einer meiner geschätzten Bekannten geworden. Wie später auch ihrer beider Tochter … an deren Namengebung ich übrigens auch einen kleinen Anteil zu haben meine.

1896 ist in Ostpreußen meine Großmutter mütterlicherseits geboren und auf den damals äußerst seltenen Vornamen Adina getauft worden, den der Standesbeamte zuerst überhaupt nicht anerkennen wollte, da es ihn – wie er sagte – gar nicht geben würde. Und so mußte Urgroßvater Leopold erstmal unverrichteterdinge wieder abziehen, bis er dem Beamten bei seinem nächsten Besuch dann einen deutschen Roman vorlegte, in dem die Heldin den Namen Adina trug. Und auch wenn ich zu meiner Oma Adina nie ein besonders gutes Verhältnis hatte, habe ich ihren Vornamen immer gemocht; und zwar so sehr, daß ich ihn mir in den 80er Jahren dann ausgeborgt habe, um ihn – auch mal in leicht abgewandelter Form – sowohl realen als auch fiktiven Personen zu verleihen. In meinem 1982 erschienenen Buch “Herzlichen Glückwunsch” findet sich auf Seite 98 beispielsweise das Gedicht “An Adina” (welche eigentlich aber nur Andrea geheißen hat, bis ich sie in meinen Briefen mit diesem neuen und nur uns beiden gehörenden Namen schmückte. Und als einige Jahre später ihre Tochter zur Welt kam, hat diese den wohlklingenden Namen Zarah Adina bekommen.). Und auf Seite 107 ist in der “Zeittafel” über den Autor zu lesen: “1980: Erste Kopenhagenreise [was auch wahr ist]. Geburt der Tochter Idana [was definitiv nicht wahr ist].” Und Tina hat dieses Buch ebenfalls besessen und ihre eigene Tochter schließlich Adana Irina genannt (was ebenfalls wunderschön poetisch klingt, oder?). – Und auch wenn mein literarisches Werk ansonsten keinen weiteren Eindruck hinterlassen haben mag, dürfte es in zumindest diesen beiden Fällen als nachhaltige Inspirationsquelle gedient und seine Existenzberechtigung dadurch schon zur Genüge unter Beweis gestellt haben.

In den 90er Jahren brauchte ich für eine Konzertaufführung von Bill Ramseys “Canary Blues” in der Säule mal einen piepsenden Kanarienvogel. Da ich einen solchen aber weder besaß noch ihn durch ein (zurecht auch den Tierschutzverein auf den Plan gerufen haben würdendens) brutales Quetschen im Refrain des Liedes zu den benötigten Piepsern “bewegen” wollte, entschied ich mich lieber für Kinderspielzeug. Weil ich selbst aber keine Kinder hatte [die Idana aus meinem Buch stellt ja nur eine meiner von H.C. Artmann erlernten pelikanesischen Falschmeldungen dar], mußte ich in meinem Bekanntenkreis auf die Suche gehen, bin in Adanas Kinderzimmer dann fündig geworden und habe für meinen Auftritt ihr kleines braunes Quietsche-Bärchen von Tina geliehen bekommen … dessen gequetschten Einsatz man übrigens auf der CD “A.S.H. Pelikan – Besser als nichts” verfolgen kann.

Einige Monate zuvor: Ich hatte im Steinbruch eine Art Comeback-Konzert, nachdem ich (wegen meiner Midlife-Krise oder so) mehr als anderthalb Jahre lang nicht mehr öffentlich aufgetreten war. Daß es mir damals nicht richtig gut ging bezeugte auch mein sieben Monate alter Vollbart, hinter dem ich mich (und meine Unsicherheit) in dieser Zeit zu verstecken versucht hatte. “Was hast du denn gemacht?” ist einmal der spontan-entgeisterte Kommentar einer alten Freundin gewesen, die mich ein Jahr oder länger nicht mehr gesehen hatte. ["Nix", hatte ich übrigens geantwortet.]

Und ähnlich muß es auch Tina ergangen sein, als sie meiner vor dem Konzert, das sie mit Andy zusammen besuchte, ansichtig wurde, denn sie schaute sich meinen Rauschebart ein paar Sekunden lang prüfend an, schüttelte dann langsam den Kopf und sagte in ernsthaftem Ton: “Versprich mir, daß du den wieder abrasierst.” – “Okay, mach ich”, erwiderte ich leichthin … und freute mich schon auf ihr Gesicht in einer guten Stunde. Seit Wochen hatte ich nämlich vorgehabt, mir den Bart in der Pause dieses Konzertes komplett abzunehmen, was ich mit Hilfe eines Freundes und seiner Haarschneidemaschine dann auch ungesehen in einem Hinterzimmer in die Tat umsetzte. Und so ging ich zum 2. Teil des Programms leicht verändert wieder auf die Bühne und tat so, als wenn überhaupt nichts passiert wäre. Tina war begeistert.

Zu Ende des Jahrhunderts bezog die Familie Hellebrand schließlich ihr neues Domizil am Philosophenweg, wo ich auch einige Male gewesen bin; zuletzt vor 5 Jahren, als ich Tina eine meiner CDs vorbeibrachte, weil sich darauf auch 10 Lieder befanden, die von meinem Eschhaus-Konzert im Oktober 1980 stammten, bei dem sie mich wahrscheinlich zum ersten Mal live gesehen hat (was vielleicht auch den Anstoß dazu gab, im neuen Jahr in meinen Gitarrenkurs zu gehen), und das sie immer den “20-Pfennig-Auftritt” nannte. Ich hatte nämlich pro Person nur 20 Pfennig Eintritt genommen, um dem weltweiten Alles-wird-teurer-Trend mal energisch entgegenzuwirken – was den Trend aber nicht die Bohne gekümmert hat.

Und was fällt mir sonst noch ein? Ach ja: Im Mai des Jahres 2000 kam mir mal die verrückte Idee, zum nächstwöchigen Geburtstag meiner damaligen (und auch wieder heutigen) Lieblingsfrau ein ca. 2 x 2 Meter großes Labyrinth-Puzzle zu basteln. Nur hatte ich leider überhaupt nicht den benötigten Platz dafür, und wenn das Geschenk also realisiert und auch pünktlich fertig werden sollte, brauchte ich dringend einen Ort mit deutlich größerer Grundfläche als der meines Zimmers, der auch nicht mit allzu vielen Möbeln vollgestellt sein durfte und den ich für mindestens einen Tag (am Ende benötigte ich derer zwei) mit Beschlag belegen müßte. Und geholfen haben mir in der Situation dann Tina und Andy, die mir ohne eine Sekunde zu zögern ihren Atelier & Galerie-Raum dafür zur Verfügung stellten.

Und spätestens an dieser Stelle wird mir wieder mal klar, wie arm wir doch ohne solche Freunde wären, die einem auch dann noch zugeneigt sind, wenn man nicht ständig miteinander zu tun hat.

In meinem 1981er Tagebuch (das Jahr, in dem ich sie kennenlernte) wird Tina in mehr als 2 Dutzend Einträgen erwähnt. Hier ist einer davon.
Freitag, 17. Juli 1981:
mmm“Heute morgen eine Lesung in Rheinhausen gehabt. Danach habe ich mich in Duisburg absetzen lassen und prompt die Tina getroffen. Wir waren Eis essen, Bücher gucken, ein Hemd abholen und Schuhe kaufen. War toll, hat viel Spaß gemacht. Und morgen gehe ich mit ihr auf eine Party.”

Und noch zwei Sätze aus einem Brief an Tina aus dem darauffolgenden Jahr:
mmmErster Satz: “Tina Darling, ich habe von dir geträumt heute nacht, und zwar, daß ich dich kennenlernen würde. Du warst genau so, wie du bist, nur kannte ich dich halt noch nicht.”
mmmLetzter Satz: “…ich kann Menschen im Augenblick einfach nicht besonders gut ertragen. Doch du bist eine Ausnahme, mit dir treffe ich mich sogar noch nachts im Traum.”

Ich habe in jenen Tagen auch mal ein Lied für Tina komponiert, das leider aber nicht zu meinen guten zählte, so daß ich es insgesamt auch nur zweimal live gespielt habe. An die Musik kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, während mir vom Text immerhin noch die letzten beiden Refrainzeilen im Gedächtnis geblieben sind: “… and here comes Tina, dancing right into my heart.” – Und dort wird sie auch auf ewig ihren Platz behalten.

Und nachfolgendes Gedicht habe ich am 1. August 1981 um 4 Uhr nachts für sie geschrieben:

sei lieb
und lächele
wie gestern nachmittag
und werd schnell
10 jahre älter
oder 5
aber bleib nicht
so lange 15
lächelnd
wie gestern nachmittag

 

 


Galaktische Giganten

Beim “Lucky Day” im Grammatikoff

Samstag, 27. Februar 2016
Duisburg, Dellplatz 16 a
Einlaß 18:30 Uhr
Konzertbeginn 19:00 Uhr
Eintritt 13 €
Im Vorverkauf weniger

sind ja mehr als ein halbes Dutzend verschiedener Bandbesetzungen (alle mit Lucky Ruhnau am Schlagzeug) zu erwarten, und zu einer dieser Bands, den “Galaktischen Giganten”, möchte ich jetzt mal ein paar Worte verlieren.

Im Jahr 1990 gab es in Duisburg einen neueröffneten Laden mit Namen “Steinbruch”, der heute eine der beliebtesten Szenekneipen der Stadt darstellt. Vor 26 Jahren ist diese Entwicklung allerdings überhaupt noch nicht abzusehen gewesen, weil der Laden nämlich alles andere als gut anlief. Das sah auch einer der Besucher (unser Lucky) so, der den Pächter kannte und diesem einfach mal vorschlug, dort mit einer Band zu spielen, um den Bekanntheitsgrad der Kneipe auf diesem Wege ein wenig anzuheben zu versuchen. Lucky hatte damals zwar überhaupt keine Band am Start, doch konnte er so vielleicht mal eine Idee umsetzen, deren Grundstein drei Jahre zuvor im heute schon lange nicht mehr existierenden “Hollywood”-Kino im Averdunkzentrum gelegt worden war. Zur Feier des 3. Kinogeburtstages hatte es dort neben anderen Programmpunkten nämlich auch einen 2-Song-Miniauftritt von Lucky, mir und dem Baßisten Dirk “Blumi” Blumhoff (einem Vertreter der jüngeren Musikergeneration, mit dem Lucky und ich an diesem Abend zum ersten Mal zusammengespielt haben) gegeben.

Und drei Jahre später machte Lucky sich dann daran, für einen einmaligen Auftritt einige seiner langjährigen Weggefährten wie die in den frühen 50er Jahren geborenen “alten Säcke” Pelikan (Gitarre, Gesang), Willi Kissmer (Gitarre), Georg Mahr (Keyboards) und Greg Henley (Gitarre, Gesang) mit den in den frühen 60er Jahren geborenen “jungen Säcken” Blumi (Baß) und Holger Karen (Gitarre) zusammenzubringen. Der Auftritt fand unter dem Namen Galaktische Giganten am 20. Mai 1990 im Steinbruch statt, und daß dabei neben je 1 Baßisten, Schlagzeuger und Keyboarder auch noch 2 Sänger und 4 Gitarristen gemeinsam auf der Bühne standen, war Lucky egal. Er hatte sich bei der Gitarristenfrage einfach nicht entscheiden können und deshalb eben alle eingeladen. [Eine Parallele zum anstehenden Lucky Day ist da durchaus erkennbar, oder?]

Um ehrlich zu sein, sah die Gitarristenwahrheit aber doch etwas anders aus: Lucky wollte ja die ältere mit der jüngeren Generation zusammenbringen, weshalb Willi und Holger schon mal gesetzt waren. Einen Sänger brauchte er allerdings auch noch, und so kam Peli hinzu, der aber auch Gitarre spielte. Und weil ich als einziger Sänger nicht die komplette Songauswahl allein bestimmen und bestreiten wollte, forderte ich noch einen zweiten Vokalisten an, woraufhin Lucky den Greg engagierte, der jedoch ebenfalls Gitarrist war, und so fand dieser Session-Gig, für den es übrigens keine Probe gegeben hat, dann halt mit insgesamt vier Gitarristen statt. War ja für einen guten Zweck, und da waren ein paar mögliche Töne zuviel an einigen Stellen auch nicht wirklich tragisch.

Von dieser ersten Besetzung vor einem guten Vierteljahrhundert ist beim Lucky-Day-Giganten-Auftritt lediglich der Keyboarder (der dafür aber mit einer anderen Band zu hören sein wird) nicht dabei, sowie ein anderer Kollege, den wir leider an den Alkohol verloren haben.

13 Monate nach ihrem Debut wurden die Galaktischen Giganten dann nochmal für einen weiteren ungeprobten Session-Auftritt zusammengetrommelt, und weil offenbar alle Beteiligten ziemlich viel Spaß daran hatten, machte man einfach weiter, und so war auf einmal eine feste Band daraus geworden. Nur Lucky schlug gewohnt-unbekümmert immer wieder mal etwas über die Stränge, indem er hie und da auch noch weitere Lieblingsmusiker zu Gigs einlud, so daß bei unserem 5. Auftritt im September 1991 tatsächlich ein Nonett auf der Bühne stand, featuring die beiden neuen “jungen Säcke” Stefan Werner (Gesang) und Ernie Galla (Gitarre und Gesang), die ebenfalls beim Lucky Day zu hören sein werden.

Ich selbst habe die Giganten 1993 verlassen, weil mir das auch nach 3 Jahren und 21 Gigs immer noch gültige Bandmotto “Auf keinen Fall proben” einfach nicht mehr zusagte und ich außerdem der Meinung war, daß die Gruppe eigentlich doch zuviele Gitarristen hätte, so daß mein Abgang einer kleinen Schlankheitskur gleichkäme, die der Band bestimmt nicht schaden würde.

Aber zurück ins Jahr 2016: Eine Woche vor dem Lucky Day haben sich die Galaktischen Giganten tatsächlich mal zu einer Probe (sic!) getroffen, wofür ein Gründungsmitglied sogar extra aus Frankfurt angereist ist, was ich ziemlich toll finde angesichts der Tatsache, daß eine andere Lucky-Day-Bandprobe offenbar schon an der Entfernung Krefeld/Duisburg gescheitert ist … aber das ist eine andere Geschichte.

Doch wie auch immer: Lucky ruft, und alle kommen. Ganz wie vor 25 Jahren. Nur sind ihm diesmal 1 Baßist, 1 Keyboarder, 2 Sänger und 4 Gitarristen einfach nicht genug gewesen, so daß noch ein weiteres halbes Dutzend Besetzungen mit noch einer zusätzlichen kleinen Großhorde an Sängern und Instrumentalisten aufgenommen werden mußte. Und wer die richtige Anzahl von Luckys Mitstreitern am 27. Februar 2016 im Grammatikoff im Vorhinein korrekt angegeben haben wird, kann leider mit keinerlei Preisen rechnen, wird dafür aber definitiv Recht gehabt haben. Also wählt eine Zahl aus und kommt vorbei und zählt mit. Viel Spaß dabei.

Nachtrag: die Gewinnerzahl ist (ohne Lucky) die 35 gewesen!

 

 


Am Beispiel meiner Familie: Von Flüchtlingen und Zuwanderern

Mein Vater und meine Mutter im Alter von 21 Jahren

Mein Vater ist 1921 in Duisburg geboren worden, meine Mutter 1922 in Wattenscheid (das heute zu Bochum gehört). Ich selbst habe – mit nur wenigen Ausnahmen, die aber nie länger als ein paar Monate gedauert haben – mein ganzes Leben in Duisburg verbracht, und weil das Interesse an Wo kommen meine Vorfahren eigentlich her? bei mir erst sehr spät geweckt worden ist, habe ich mich vier Jahrzehnte lang als reinrassigen Ruhrgebietler gefühlt, der mit Flüchtlingen und Zuwanderern oder so nicht das geringste zu tun hatte. Schließlich waren meine Eltern ja beide aus dem Kohlenpott.

Wenn ich aber nur eine Generation weiter zurückgeblickt hätte, wäre mir der Migrationshintergrund meiner Familie sogleich klargeworden, denn:
- Mein Großvater Wilhelm Pelikan wurde in Perbanden geboren.
- Dessen Frau Hedwig kam in Hanswalde zur Welt.
- Meine andere Großmutter, die auf den hübschen Vornamen Adina und den schwer über die Zunge gehenden Nachnamen Sbrzesny hörte, hat das Licht der Welt in Canditten erblickt.
- Und lediglich mein Großvater Ernst Szablinsky, dessen Vater aus Kurziontken stammt, ist schon im heutigen Deutschland (in Wattenscheid) geboren worden.

Die Namen Perbanden, Hanswalde, Canditten und Kurziontken sind aber auf keiner aktuellen Landkarte mehr zu finden, weil diese Ortschaften inzwischen Przebędowo, Jachowo, Kandyty und Kurczątki heißen und in Polen liegen.

Mein Großvater Wilhelm Pelikan (rechts) mit einem Feuerwehrkollegen in den 1920er Jahren

Wilhelm Pelikan, 1879 in Perbanden im Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen geboren, ist gelernter Schneider gewesen. Von 1901 bis 1903 leistete er seinen Militärdienst in Lothringen ab und ging anschließend nach Wattenscheid, wo er eine Zeitlang als Geselle bei einem Schneidermeister, der ebenfalls aus Heiligenbeil stammte und auch noch ein Urgroßonkel mütterlicherseits von mir war, arbeitete. Im Alter von 25 Jahren ging Wilhelm dann nach Duisburg, wo er im April 1905 der erst im Vorjahr gegründeten Berufsfeuerwehr auf der Friedenstraße in Hochfeld (wo heute das Kulturzentrum “Alte Feuerwache” untergebracht ist) beitrat. Die Berufsfeuerwehr nahm damals nur Männer auf, die ein Handwerk (Schneider, Schuster, Zimmermann, Schreiner, Schlosser und ähnliches) gelernt hatten, das auch der neuen Arbeitsstelle zugute kommen konnte (und im Fall meines Opas, des Schneiders, wird man sich deshalb leicht denken können, daß er eine Menge Zeit mit Nähen und Ausbessern von Uniformen und so zugebracht hat). Aber auch Hufschmiede dürften vor rund 100 Jahren in diesem Berufszweig gute Chancen gehabt haben, da dem Dienstplan der Duisburger Berufsfeuerwehr von 1919 nämlich zu entnehmen ist, daß neben den normalen Beschäftigungen (wie handwerkliches Arbeiten, Putz- und Reinigungstätigkeiten, Unterweisungen, Exerzieren und Turnen) auch Stalldienst zu verrichten war:
6:30 Pferde füttern und tränken.
7:30 Stall reinigen, Geschirr reinigen, Pferde putzen.
11:00 erneut Pferde füttern und tränken.
Mittags folgten dann Wachwechsel und Probealarm, und für die Männer der nächsten Schicht hieß es ebenfalls wieder Pferde füttern, tränken, putzen sowie Stall und Geschirr reinigen bis zum nächsten Probealarm um 8 Uhr abends. Und der letzte Tagesordnungspunkt lautete Licht aus! und war für 10:30 anberaumt.

Im Hof des Wanheimerorter Hauses: Halbtante Frieda, Großonkel Otto, Oma Hedwig, Opa Wilhelm, und der Junge vorne ist mein Vater Fritz, 1933

Wilhelm heiratete um 1910 herum eine aus Canditten in Ostpreußen stammende Frau (die interessanterweise die beste Freundin meiner Urgroßmutter mütterlicherseits war [so daß dies schon der zweite Hinweis darauf ist, daß sich der mütterliche und väterliche Zweig meiner Familie gekannt haben, lange bevor sie in der Eheschließung meiner Eltern 1952 zusammenliefen. Hinweis #1 war der Schneidermeister in Wattenscheid und sein Geselle.]) und bekam mit ihr vier Kinder, die bis auf eines alle kurz nach der Geburt starben. Und um die Tragödie perfekt zu machen, überlebte auch die Kindsmutter die letzte Geburt nicht, so daß Wilhelm im Mai 1918 (mit gerade mal 38 Jahren) bereits Witwer geworden war und nun alleine für seine 6-jährige Tochter Frieda sorgen mußte. Um dem Abhilfe zu schaffen, hat er sich zwei Jahre später dann noch eine neue Ehefrau zugelegt, die er allerdings nicht im Ruhrgebiet fand, sondern in seiner alten Heimat, zu der er nach wie vor engen Kontakt hatte, weil ja seine Eltern und sämtliche fünf Geschwister immer noch dort lebten. Die Hochzeit zwischen meinem Großvater Wilhelm und meiner Großmutter Hedwig wurde im Oktober 1920 in Deutsch Thierau in Ostpreußen abgehalten, und 9 Monate und 1 Woche später kam mein Vater Fritz zur Welt. Und 1929 baute mein Opa (der bis dahin in Hochfeld auf der Friedenstraße, der Siechenhausstraße und der Reichsstraße – heute Rheinhauser Straße – gewohnt hatte) sich ein Haus in Duisburg Wanheimerort, in dem auch ich später lange gelebt habe und das inzwischen meine Schwester übernommen hat. Kennengelernt habe ich diesen Großvater allerdings nicht, weil er schon 1935 gestorben ist.

Etwas mehr als ein Jahrzehnt vor Wilhelm war auch ein anderer junger Mann in seinen frühen 20ern aufgebrochen, um fast 1000 Kilometer von der Heimat entfernt sein Glück zu suchen. Der hohe Bedarf an Arbeitskräften hatte im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts dazu geführt, daß mehr als 150 000 Zuwanderer (vor allem aus den preußischen Ostprovinzen und aus Österreich) ins Ruhrgebiet gezogen waren, zu denen auch Carl Szablinsky, mein ostpreußischer Urgroßvater mütterlicherseits gehört hatte. Er fand einen Job als Bergmann in der Zeche Holland in Wattenscheid, heiratete im März 1892 die ebenfalls aus Ostpreußen stammende Emma Brandt und wurde nach Ablauf von 10 Monaten [die hatten's damals offenbar ziemlich eilig mit dem Kinderkriegen] Vater eines Jungen namens Ernst, der 6 Jahrzehnte später mein anderer Großvater werden sollte.

Ernst Szablinskys Arbeitsleben begann 1907 im Alter von 14 Jahren in einem Wattenscheider Stuckgeschäft, wo er als Schleifer anfing und als Stuckateur endete. Mit 19 Jahren ging er aber, seinem Vater folgend, ebenfalls in den Bergbau, wo er zunächst als Schlepper schuftete, was ca. 100 Kilogramm schwere Tröge durch die Grubengänge zu ziehen bedeutete. Im 1. Weltkrieg, den er sowohl an der Ost- als auch an der Westfront miterlebte, erlitt er 1917 in der Frühlingsschlacht von Arras einen Oberkörperdurchschuß und wurde nach seiner Genesung zum Arbeitsdienst in die Wattenscheider Zeche Centrum versetzt. Zu Beginn der 20er Jahre wechselte er dann zur Zeche Holland, wo er – mit Ausnahme eines gescheiterten Versuchs, sich als Polier selbständig zu machen – bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1958 als Maurer tätig war.

Meine Urgroßmutter Wilhelmine Sbrzesny mit ihren Kindern Paul und Adina, 1909

Ernsts Frau, meine Großmutter Adina, kam 1896 im ostpreußischen Canditten, Kreis Preußisch Eylau, zur Welt, wo ihr Vater Leopold Sbrzesny (ein weiterer Schneider / die Mehrzahl meiner Ahnen sind allerdings Bauern gewesen) 1901 bereits an Tuberkulose verstarb. Zwei Jahre danach folgte Leopolds noch keine 30 Jahre alte Witwe Wilhelmine mit Paul (8 Jahre) und Adina (7 Jahre) ihrer Schwester Johanna und deren Mann August [der sowohl Leopolds Bruder als auch der schon oben erwähnte Schneidermeister war, bei dem mein Opa Wilhelm zeitgleich eine Anstellung fand] ins “Gelobte Land” nach Wattenscheid, wo sie sich in den kommenden Jahrzehnten mehr schlecht als recht mit vor allem Wäschebügeln über Wasser hielt.

Wann Ernst Szablinsky und Adina Sbrzesny einander kennenlernten, weiß ich nicht, doch bevor sie im Januar 1921 heirateten und im Jahr darauf ein Töchterchen namens Ruth (meine Mutter) bekamen, war noch etwas ganz Besonderes geschehen. Ernsts Vater Carl, dessen Frau Emma und ihren drei Kindern war im Juni 1919 nämlich offiziell erlaubt worden, ihren bisherigen Familiennamen abzulegen und sich künftig Schwertmann zu nennen. Und weil Szabla im Polnischen Säbel bedeutet, ist die Wahl des neuen Namens auch nachvollziehbar [obwohl ich persönlich das weniger kriegerisch klingende Säbeler gewählt haben würde - oder war der Name von den Behörden ausgesucht worden?]. Die genauen Beweggründe für diesen schon sehr bedeutenden Schritt sind allerdings nicht überliefert, so daß es reine Spekulation ist, wenn ich vermute, daß es für Carl Szablinsky auch nach 25 Jahren in der neuen Heimat noch immer von Nachteil gewesen sein dürfte, an seinem Namen sogleich als Zuwanderer oder so erkannt zu werden … und von dem ein knappes Jahrhundert später guten Klang von Nachnamen wie Schimanski, Podolski oder Lewandowski konnte er damals natürlich noch nichts ahnen.

Die Vorfahren meiner Eltern sind also sämtlich Zuwanderer aus Ostpreußen gewesen, doch hat es in meiner Familie auch echte Flüchtlingsdramen gegeben.

Meine Großmutter Hedwig Pelikan (geborene Groß) aus Hanswalde im Kreis Heiligenbeil in Ostpreußen hatte zwei Brüder, Otto (*1888) und Ernst (*1891), die beide den Beruf des Stellmachers erlernt hatten. [Ein Stellmacher fertigte Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz an.] Und weil der elterliche Hof traditionsgemäß dem ältesten Sohn übergeben wurde, zog Ernst in den 1910er Jahren fort, fand Arbeit in der “Sächsischen Waggonfabrik” in Werdau in Sachsen und gründete dort im Jahr 1919 eine eigene Familie. Sein älterer Bruder Otto blieb dagegen in der Heimat, richtete sich im elterlichen Haus eine eigene Werkstatt ein und machte sich als Stellmacher in Hanswalde selbständig. Zu dem Groß’schen Besitz gehörten neben dem Wohnhaus auch noch 1,5 Morgen Land, auf dem zwar auch einiges angebaut wurde, was den Nahrungsmittelbedarf aber längst nicht decken konnte, so daß Otto sich für seine Arbeit als Stellmacher auch gerne in Naturalien (Fleisch und Getreide usw.) entlohnen ließ.

Mein Großonkel Otto am Grab seiner Eltern in Hanswalde, vermutlich 1931

Die Eltern starben Anfang 1931 im Abstand von nur vier Wochen, und acht Jahre lang lebte Otto dann ganz allein, bevor er mit 50 Jahren noch heiratete und fortan glücklich und zufrieden mit seiner Frau Franziska im Haus seiner Vorfahren lebte … bis im sechsten Kriegsjahr die russische Armee in den Kreis Heiligenbeil einmarschierte und das Ehepaar Groß im Februar 1945 – wie Hunderttausende andere auch – Hab und Gut zurücklassen mußte, um bei der Flucht über das zugefrorene Frische Haff (da der Landweg bereits abgeschnitten war) ihr Leben zu retten. Wer es dagegen vorzog, zu bleiben, lief Gefahr, einfach zu verhungern (wie eine meiner Urgroßtanten), oder von Soldaten erschossen (wie deren Tochter) oder nach Sibirien verfrachtet zu werden. [Trotz aller von den russischen Soldaten verübten Grausamkeiten darf man aber nicht vergessen, daß dies ja "lediglich" Reaktionen auf die von Hitler initiierten deutschen An- und Übergriffe waren.]

Otto und Franziska gelang zwar die Flucht, doch hatten sie kein Glück im Unglück. Sie wurden in dem Städtchen Waren an der Müritz in Mecklenburg aufgenommen, wo Ende 1945 mehr als 6000 Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten untergebracht waren. Daß die Lebensbedingungen dort – weil die einheimische Bevölkerung ja selber kaum genug zu essen hatte – nicht gerade zum besten standen, läßt sich denken, doch wurde es noch wesentlich schlimmer, als eine Typhusepidemie ausbrach, der (neben mehr als 1500 weiteren Menschen) im März 1946 auch Franziska Groß zum Opfer fiel.

4 Generationen: Der Autor dieses Beitrags mit Mutter Ruth, Großmutter Adina und Urgroßmutter Wilhelmine, Juni 1954

Otto kam schließlich bei seinem Bruder Ernst in Werdau unter, wo er ebenfalls als Stellmacher in der Waggonfabrik Arbeit fand und bis zu seiner Pensionierung tätig blieb. Als frischgebackener Rentner besuchte er im Juni 1954 dann seine Schwester Hedwig Pelikan in Westdeutschland, um auch seinen 7 Monate alten Großneffen (mich!) einmal zu sehen, und während dieses Aufenthaltes erkrankte er so schwer, daß er bei Ablauf seiner Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr zurückzureisen imstande war. Er stellte daraufhin den Antrag, zwecks erweiterter Familienzusammenführung in Duisburg bleiben zu dürfen, was ihm im November ’54 auch gewährt wurde. Und so lebte mein Großonkel Otto dann von 1954 bis ’71 mit uns (meiner Großmutter, meinen Eltern, meiner 1955 geborenen Schwester Inge und mir) in dem Häuschen, das mein Opa Wilhelm zu Ende der 1920er Jahre gebaut hatte. 1971 wurde Otto nach einem Waldspaziergang beim gedankenverlorenen Überqueren einer Straße von einem Auto erfaßt und brachte noch 4 Jahre in einem Pflegeheim in Mülheim an der Ruhr zu, wo er dann im Alter von fast 87 Jahren starb. Und noch Jahre später fanden wir – was in Ostpreußen vielleicht so üblich war, wenn man etwas zu entsorgen hatte (?) – beim Umgraben im Garten (welcher Großonkel Otto zur Bewirtschaftung und Pflege überlassen worden war) kleine Andenken an ihn, wie einen Haufen Ziegelsteine zum Beispiel, und einmal sogar eine ganze Zinkwanne.

Ottos Schwager - mein Feuerwehrmann-Opa – hatte fünf Geschwister, von denen vor allem Gustav, der Älteste, mit zwölf Kindern (die zwischen 1901 und 1924 zur Welt kamen) für Nachwuchs gesorgt hat. Von Gustavs vier Söhnen fielen zwei im 2. Weltkrieg, und von seinen acht Töchtern kam die jüngste auf der Flucht übers Frische Haff ums Leben, während eine andere dabei ein Bein verlor. Man muß sich das nämlich so vorstellen, daß man nicht einfach nur aufs Eis zu gehen und zu hoffen brauchte, daß es hält (was bei den meist schwer beladenen Wagen auch häufiger nicht der Fall war), sondern daß der Flüchtlingsstrom auch immer wieder von Tieffliegern beschossen wurde. Von den überlebenden Kindern meines Großonkels Gustav Pelikan haben sich gleich mehrere in Duisburg und Umgebung niedergelassen, so daß es mir in den 90er Jahren (als ich anfing, mich für Ahnenforschung zu interessieren) noch möglich war, zwei davon persönlich zu befragen. Zum einen die damals schon 80-jährige Anna aus Duisburg Neudorf, sowie ihre Schwester Gertrud, die auch mit Mitte 70 noch – trotz ihres künstlichen Beins – sehr agil unterwegs war.

Großtante Auguste Pelikan, Großvater Ernst Schwertmann, sowie der anscheinend nicht besonders gutgelaunte Erzähler, Mai 1969

Deutlich mehr hatte ich aber mit deren beider Tante, der jüngsten Schwester meines Großvaters Wilhelm, zu tun gehabt. Auguste Pelikan wurde 1891 in Stolzenberg (Kreis Heiligenbeil) geboren, wo sich ihr Vater (und mein Urgroßvater) Gottlieb Pelikan in den 1880er Jahren einen Bauernhof gekauft hatte, der etwa 3 km von Gut Pellen entfernt lag, wo er als Arbeiter (auch) in der dortigen Schnapsbrennerei angestellt war. Sie ist – nachdem ihr Verlobter im ersten Weltkrieg gefallen war – unverheiratet geblieben und hat den elterlichen Hof schließlich bis 1945 alleine bewirtschaftet. Der Besitz bestand aus einem Bauernhaus mit drei Räumen nebst Stallungen und Scheune (alles unter einem Dach) plus 2 ha Land (was einer Fläche von etwas mehr als zwei Fußballfeldern entspricht), das folgendermaßen genutzt wurde:
1 ha Äcker (Roggen, Hafer, Kartoffeln und Klee)
½ ha Wiese
¼ ha Weide
¼ ha Obst- und Gemüsegarten.
Und davon konnte meine Großtante Auguste (zumal sie auch noch 1 Rind, 4 Schweine und 17 Hühner besaß) leben und mußte zur Erntezeit sogar Tagelöhner einstellen.

Am 7. Februar 1945 kam aber auch für sie das Aus, als sie ebenfalls alles zurücklassen und sich auf die Flucht übers Eis begeben mußte.

Großtante Auguste war Mitte 50, als sie ihre Existenzgrundlage verlor und – in Duisburg eingetroffen – nochmal neu anfangen mußte. Daß der Wert ihres ostpreußischen Haus- und Grundbesitzes auf stattliche 15 000 Reichsmark geschätzt wurde, ist ihr leider von keinerlei Nutzen gewesen, und so hat sie nach dem Krieg noch einige Jahre als Küchenhilfe im Duisburger Bethesda-Krankenhaus gearbeitet, bevor sie aus Altersgründen ausscheiden und von Sozialhilfe leben mußte. Von 1953 an hat sie ihre letzten drei Lebensjahrzehnte in einem einzigen Zimmer ohne Küche und ohne Bad – mit Wasserhahn im Hausflur und dem Klo eine halbe Treppe tiefer – auf der Paulusstraße in Hochfeld verbracht. Ich habe Fräulein Pelikan (wie sie genannt werden wollte) häufig als eine einer anderen Zeit entsprungene Person empfunden, die sich trotz ihrer ärmlichen Lebensumstände (sie hatte auch nie ein Telefon oder einen Fernseher oder so) aber niemals beklagt hat. Und sie ließ es sich auch nicht nehmen, jedes Jahr Heiligabend (weil keine Straßenbahnen mehr fuhren und sie ohnehin lieber zu Fuß ging) von Hochfeld nach Wanheimerort zu laufen, um an der Weihnachtsfeier im Haus meiner Eltern teilzunehmen. Auch den späteren Rückweg erledigte sie zu Fuß, und erst mit über 80 (sie ist 92 Jahre alt geworden) gestattete sie es ihrem Neffen (meinem Vater), sie wenigstens mit dem Auto nach Hause zurückzubringen.

Postkarte von 1935: Hanswalde, der Geburtsort von [väterlicherseits:] Großmutter Hedwig Groß, Großonkel Otto Groß, Urgroßvater August Groß, Urgroßmutter Amalie Hahnke, Ururgroßvater Gottlieb Groß, Ururgroßvater Gottlieb Hahnke, [sowie mütterlicherseits:] Urgroßmutter Wilhelmine Gerlach und Ururgroßvater August Gerlach

Ich selbst habe die pelikanesischen Weihnachtsfeierlichkeiten im Vorfeld nicht besonders gemocht, weil ich auf dem Klavier immer die Liederbegleitung für den Abend einüben mußte, doch sind mir viele starke Heiligabendbilder in Erinnerung geblieben. Ich wußte zwar nur sehr wenig über Onkel Otto und Tante Auguste (wie ich meinen Großonkel und meine Großtante zu nennen pflegte), doch wenn sie am 24. Dezember bei uns nach dem Vortragen der biblischen Weihnachtsgeschichte und dem gemeinsamen Singen von Liedern und dem Aufsagen von Gedichten und dem Überreichen und Auspacken der Geschenke in dem nach Tannennadeln und Räucherkerzen duftenden Zimmer mit dem liebevoll geschmückten Weihnachtsbaum etwas geistesabwesend aber dennoch sehr würdevoll dasaßen, kamen sie mir manchmal schon recht einsam vor. Und heute bin ich sicher, daß sie in solchen Momenten auch ihrer alten Heimat gedachten und sich an ihre früheren Leben erinnerten, bevor der zweite große Krieg, den sie miterleben mußten, sie zu Vertriebenen und Heimatlosen gemacht hatte. – So, wie es auch 70 Jahre später leider immer noch unzählige Männer, Frauen und Kinder auf dieser Welt erdulden müssen.

Ich wünsche all diesen Menschen eine friedliche Weihnachtszeit, egal, welche Sprache sie sprechen, in welchem Land sie sich aufhalten oder welcher Religion sie sich nahe fühlen.

Duisburg, 4. Advent 2015

 


Mensch und Universum

Bob Dylan und Albert Einstein hatten recht.

Der eine mit der Aussage the times they are a-changing, und der andere mit der Feststellung, daß alles relativ sei.

Das Universum ist alt. Ewa 13,82 Milliarden Jahre alt.

Der moderne Mensch (Homo sapiens) ist jung. Im Verhältnis zum Universum gesehen. Erst knappe 200 000 Jahre alt (oder jung).

Es fällt mir allerdings sehr schwer, mir diese Zeitspanne auch begrifflich vorzustellen. Ganz zu schweigen von 13,82 Milliarden Jahren. 2000 Jahre bekomme ich irgendwie noch hin. 4600 (vor ungefähr dieser Zeit hat der Bau der Pyramiden von Gizeh begonnen) zur Not auch noch. Aber darüber hinaus hört’s bei mir echt auf.

Und so habe ich einen kleinen Plan erstellt, um den Menschen in Relation zum Universum ein wenig besser einordnen zu können. Stellt euch vor, das Universum wäre bis heute genau ein Universumsjahr mit 365 Universumstagen alt. Dann wäre es am 1. Januar um Null Uhr Null gestartet, und zwar – wie wir wissen – mit einem recht beachtlichen Neujahrsfeuerwerk.

Und wie es danach weiterging, könnt ihr hier ersehen.

 


Zum 59. Geburtstag von Knut “Snake” Abel

… ist mir leider keine Geschichte eingefallen.

Er ist ja auch kein Promi (außer in ausgewählten Duisburger Haushalten natürlich), dafür aber ein alter Freund. Und eben deshalb hat er es verdient, daß seine bisherigen Minuten Ruhm (er hat in Tunis z.B. mal im Vorprogramm von Michael Jackson auf der Bühne gestanden!) heute um mindestens 1 Minute (solange man halt braucht, um diesen Beitrag zu lesen und in Hipp-Hipp-Hurra-Rufe auszubrechen) aufgestockt werden.

Alles Gute zum Geburtstag wünscht dein alter Kumpel Pelikan

P.S.: Und wer die ruhmreichen Zeiten noch um 5 Minuten und 16 Sekunden erweitern möchte, sollte sich den Song “Forget it” von meiner aktuellen CD “Falsch abgebogen” anhören. Da ist außer Pelikan nämlich auch noch Special Guest Star Snake Abel on percussion, vocal, grand piano und programming mit von der Partie. Und das Ganze ist, dank Knuts Hilfe, ein echt cooles, schön/schräges Stück Musik geworden. Danke, Mann!

Und hier als kleine Kostprobe schon mal der – in geburtstagsfeierlichem Tonfall zu rezitierende – sprachliche Mittelteil daraus:

a) this is the b-side of the record
b) on the other side of the b-side is a side called the a-side
c) the song on the b-side is the song beside the song on the a-side
d) the song on the a-side is not called at the seaside, ’cause it’s on the a-side, not on the c-side
e) and this is some b-side or beside information that no one is interested in, so
f) forget it and join the refrain – auch du da mit der Blockflöte…

Duisburg, September 2015

 


Zum 60. Geburtstag von Helge Schneider

Zu Beginn der 80er Jahre waren wir beide im Duisburger Eschhaus mal eine Zeitlang in die selbe Frau verliebt. Ich habe sie nicht bekommen. Helge aber auch nicht. Und das geschah ihm auch ganz recht, da er nicht mal einen Song für sie geschrieben hat. Im Gegensatz zu mir. (“Born on a Horseback”, zu hören auf meiner CD “Welcome to Chilligoo”.) Aber das hat, wie gesagt, trotzdem nicht gereicht. Allerdings hat sie schließlich mir – und nicht ihm – diesen Scherenschnitt von sich geschenkt.

 

Helge war (und ist) ein Freund von Georg Mahr, dem Keyboarder meiner Band “Duisburg City Rock ‘n’ Roll All Stars”. Und als wir im Oktober 1978 beim 2. OTZ Festival im Eschhaus aufspielten, brachte Georg auch seinen Kumpel Helge mit, den wir dann kurzerhand noch in die Show einbauten. Ich kannte Helge damals nicht, hatte nur gehört, daß er ein toller Jazzpianist sei, und so war ich sehr gespannt auf seine Darbietung in der Mitte unseres Gigs.

Helge hatte gebeten, von unserem Drummer begleitet zu werden, setzte sich (während die anderen Bandmitglieder Pause hatten und die Bühne verließen) auf Georgs Orgelbank und zog erstmal kommentarlos seine Schuhe aus, um sie oben auf der Hammond B3 abzustellen. Dann wurde noch ein Mikrophon für diesen besonderen Gast aufgebaut, und wir freuten uns alle auf eine jazzige Orgelnummer mit Gesang. Doch erstmal machte Helge eine Ansage: “Ja, guten Tach, ich möchte euch was vorspielen, zusammen mit meinem alten Freund … öh, wie heißt du?” – “Lucky.” – “… Lucky am Schlagzeug.” Und dann ging’s los. Lucky war etwas nervös, weil er nämlich alles andere als ein Jazzdrummer war, doch hätte er sich überhaupt keine Sorgen zu machen brauchen, da Helge dann nämlich den Sommerhit des Jahres anstimmte, der 17 Wochen lang auf Platz 1 der Deutschen Hitparade gestanden hatte, “Rivers of Babylon” von Boney M. Und zwar instrumental, ohne jeglichen Gesang. Wir waren alle ziemlich überrascht und wußten nicht so recht, was wir davon halten sollten.

Das nächste Mal sah ich Helge (wiederum im Eschhaus) im Trio mit Peter Thoms am Schlagzeug und (wenn ich mich recht erinnere) Rudi Contra am Baß. Die jazzige Musikrichtung war damals nicht wirklich mein Fall, doch Helges musikalische Fertigkeiten hatten mich bei diesem Konzert zutiefst beeindruckt. Ich weiß noch, daß ich dachte: Tja, das ist der beste Musiker aus meinem Bekanntenkreis, den ich jemals gehört habe. Schade nur, daß er nie Erfolg haben wird, da er die völlig falsche Musik macht.

Und wie die Geschichte zeigt, habe ich mich selten so geirrt; andererseits aber auch nicht, denn mit Jazz hat er’s ja wirklich nicht geschafft. Sondern – eigentlich unvorstellbar und irgendwie auch ziemlich schlimm – mit einer Art Schlagerparodie.

Ein weiterer Helge-Auftritt im Eschhaus um 1980 herum sah so aus: Ausgestattet mit Parka, Russenmütze, Aktentasche und Kassengestellbrille stand er allein auf der Bühne und verzerrte den Mund zur Plattenaufnahme von Frank Sinatras “Strangers in the Night”, was wirklich ziemlich lustig war, mit der Zeit aber doch rasant an Esprit verlor, da sich das Ganze bei zwei oder drei ähnlichen Liedern dann nur noch wiederholte. Helge hatte a) aber noch nie ein Problem damit gehabt, sein Publikum zu irritieren, und b) immer schon über ein brillantes Timing verfügt und deshalb, kurz bevor die Playbacknummern dann nur noch doof wirkten, den zweiten Programmpunkt auf die Bühne gebracht: Gleithmann, den Löwenmenschen. Sergej Gleithmann war ein dünner Kerl mit langen blonden Haaren und solch einem langen Vollbart, daß er ihn nach oben über sein Gesicht legen konnte, wo er durch eine darübergesetzte Brille am Wiederhinabgleiten gehindert wurde. Helge holte den Löwenmenschen hinter einem Vorhang, wo er bislang ungesehen gehockt und die Playbacks abgespielt hatte, hervor und führte ihn wie einen Blinden auf die Mitte der Bühne, und dann warteten alle gespannt darauf, was Gleithmann denn zu bieten haben würde. Doch Gleithmann tat gar nichts. Er stand nur da und war Der Löwenmensch. Und als es jedem dämmerte, daß er nichts weiter tun würde, als nur still dazustehen, war das auch wieder ziemlich lustig. Bis sich die Lustigkeit langsam ins Gegenteil zu wenden begann, da noch eine und noch eine weitere Minute ereignislos verstrichen, bis Helge den Löwenmenschen wieder zurück hinter den Vorhang geleitete und zum Abschluß nochmal “Strangers in the Night” oder so brachte. Und dann stand er da und sagte, daß das Programm zu Ende sei, sie hätten nichts mehr. Er machte allerdings keine Anstalten, die Bühne zu verlassen, was wiederum so wirkte, als wenn das Programm eben doch noch nicht zu Ende sei. Das dauerte dann auch noch einige Minuten, in denen er immer wieder betonte, daß nichts mehr käme. Es war großartig. Und so präsentierte er schließlich noch einmal Gleithmann, den Löwenmenschen, denn wenn das Publikum einfach nicht gehen wollte … selber Schuld. Und als der vollgesichtsverbartete Gleithmann hinter dem Vorhang auftauchte, mußte jemand im Publikum laut auflachen, so daß Helge sich ihm zuwandte und resümierend bemerkte: “Aha. Zu spät gekommen.”


Helges erstes Konzertplakat. Mit Charly Weiss (rechts).

Unvergessen für mich ist auch Helges Eschhausauftritt bei einem Benefizkonzert, wo er mit akustischer Gitarre bewaffnet auf einem Barhocker Platz nahm. Ich wußte damals nicht, daß er auch Gitarre spielen konnte und war als Gitarrist deshalb besonders gespannt darauf. Nach dem Konzert wußte ich allerdings immer noch nicht, ob er Gitarre spielen konnte, denn er begann seine Show damit, daß er das erste Lied ansagte, sich kurz vor dessen Vortrag dann aber blitzschnellspontan doch noch für einen anderen Song entschied und auch diesen wiederum ausführlichst ansagte, und so weiter und so fort. Er drohte eine ganze halbe Stunde lang damit, auch mal einen Ton zu spielen, der aber nie erklingen sollte. Es war großartig.

Helges Performances haben sich damals überhaupt nicht an ein bestimmtes Schema gehalten. Helge ist kein Komiker im üblichen Sinne, eher ein geborener Entertainer mit einem großen clownesken Talent. Und ein absolut toller Musiker. Ich hatte in einer meiner Bands mal ein Schlagzeugsolo mit der Regieanweisung “spiel so, als wenn du nicht richtig spielen könntest” gewünscht. Das umzusetzen hört sich für euch vielleicht leicht an, ist für einen Musiker, der richtig spielen kann, jedoch ungeheuer schwer, da das Ganze ja nicht wie “das klingt, als wenn einer, der spielen kann, sich vergeblich bemüht, so zu wirken, als wenn er nicht spielen könnte” rüberkommen soll. Und ich kenne niemanden, der diese Disziplin besser beherrscht als Helge Schneider. Und dafür muß man schon ein extrem guter Musiker sein. Obwohl das auf seinen Platten nicht immer zu erkennen ist. Bei der letzten (“Sommer, Sonne, Kaktus”, seiner ersten Nummer-1-Scheibe überhaupt) zum Beispiel mußte ich für mich persönlich leider zu dem Urteil kommen: Watt fürn Schrott. Da hört man ja richtig, daß er sich keine besondere Mühe gegeben hat. – Aber die Platten sind sowieso nicht das, was Helge am treffendsten charakterisieren könnte, im Gegensatz zu seiner absolut überragenden und immer wieder durch Improvisationselemente unberechenbaren Bühnenarbeit. Er ist auf den Brettern, die für vortragende Künstler ja die Welt bedeuten sollen, einfach wirklich zuhause, weiß hundertprozentig, daß er dort und nirgendwo anders hingehört.

 

Wie ich Helge mal aus der Patsche geholfen habe

Wie in Helges 1992 erschienener Autobiographie Teil 1 “Guten Tach. Auf Wiedersehen” zu lesen ist, war es (zumindest für die anderen) in den 70er Jahren (und wahrscheinlich auch noch in den 80ern) keine besonders gute Idee, Herrn Schneider Geld oder Instrumente zu leihen. An beidem mangelte es ihm früher nämlich beständig, und er schreibt in seinem Buch, wie er sich mal 7000 DM von jemandem, der gerade eine Erbschaft gemacht hatte, lieh, um sich eine Hammond B3-Orgel kaufen zu können. Nach einem Jahr verlor der Geldgeber dann aber doch ein wenig die Geduld, da Helge ihm bis dahin erst 150 DM zurückgezahlt hatte. Und wenn das in dem Tempo so weitergegangen wäre, würde die Schuld heute immer noch nicht getilgt sein. Ich weiß aber nicht, wie sich die Sache damals weiterentwickelt hat.

1979 habe ich mal folgende Geschichte miterlebt: Helge hatte eine weiße Fender Telecaster E-Gitarre in seinen Besitz gebracht, um sie auszuprobieren und eventuell zu kaufen. Der Kaufpreis betrug 700 DM. Helge hatte allerdings keine 700 DM, und wer Helge kannte, wußte, daß die Chance, daß Helge demnächst 700 DM erwirtschaften würde, auch quasi gleich null war. Der Eigentümer der Gitarre wußte das offenbar nicht, und so hatte er noch einige Monate lang Geduld, in denen Helge ihn immer wieder auf später vertröstete, bis der Geduldsfaden von Helges Geschäftspartner nach einem halben Jahr oder so dann doch endgültig riß und er von Helge die 700 DM oder die Rückgabe der Gitarre forderte. Jetzt hatte Helge allerdings das kleine Problem, daß er das für den Deal benötigte Geld nicht besaß – und das große Problem, daß er die Gitarre auch nicht mehr zurückgeben konnte, da sie sich leider nicht mehr im Originalzustand befand. Helge hatte den Lack inzwischen nämlich abgebeizt. Und so brauchte er dringend jemanden, der ihm die “verstümmelte” Telecaster für 700 DM abkaufte, um dem Eigentümer des Instruments das Geld dafür geben zu können, und ich war derjenige, der ihm aus dieser Bredouille helfen konnte. Ich war nämlich gerade dabei, meine Gibson Les Paul Custom E-Gitarre zu verkaufen, da sie für mich als reinen Rhythmusgitarristen einfach einen zu fetten Sound hatte, um mir danach irgendein anderes Teil an Land ziehen – und das wurde dann halt die in Helges Besitz befindliche Telecaster.


Die Aufkleber und so sind erst später von mir hinzugefügt worden.

 

Wie Helge mir mal einen Gefallen tat

Für mein Empfinden hat sich Helge (trotz des großen Ruhms) überhaupt nicht verändert, da er schon immer sehr liebenswürdig und gleichzeitig auch recht chaotisch gewesen ist. Anfang des letzten Jahres bat ich ihn mal, etwas für meine neue CD (“Falsch abgebogen”, 2015) beizusteuern. Dafür brauchte er nur mal kurz etwas auf meinen Anrufbeantworter zu sprechen. Ich schrieb ihm einen Brief deswegen, und er zeigte sich einverstanden. Also rief ich ihn dann mal an, um zu fragen, ob er jetzt eben kurz Zeit dafür habe, doch erklärte er, daß er gerade auf dem Sprung zu einem Konzert in Würzburg wäre. Und ich sollte ihn doch morgen wieder anrufen, wenn der Soundcheck vorbei wäre, dann würde er sich der kleinen AB-Aufgabe gerne widmen. Ich war einverstanden. Und dann erzählte Helge noch einige Minuten lang irgendwas, bevor er sich auf den Weg nach Würzburg machte. In dieser Zeit hätte er bestimmt fünf- oder sechsmal was auf meinen AB sprechen können.

Am nächsten Tag ging leider niemand an den Apparat, und weil ich ihn ja auch nicht übermäßig stören wollte, wartete ich noch ein paar Wochen, bis seine Tournee vorüber war. Als ich ihn das nächste Mal erreichte, meinte er, es ginge jetzt nicht – weil er gerade in Holland sei.

Schließlich versuchte ich es spontan am Ostersonntag wieder. Ich hatte aber überhaupt nicht daran gedacht, daß Helge ja auch ein Familienmensch war, so daß er mir berichtete, wie jetzt gerade nach Ostereiern gesucht würde. “Aber irgendwann wäre es schon schön, wenn das mit dem AB mal klappen würde”, entgegnete ich, und er schlug mir vor, es am frühen Nachmittag nochmal zu versuchen, weil die Kinder dann wohl schlafen würden. Um in der nächsten Sekunde – ENDLICH – umzuschwenken und mir mitzuteilen: “Ach, laß uns das jetzt eben erledigen”. Ich war einverstanden, legte auf, er rief zurück, sprach auf meinen AB, und das Ergebnis ist auf meiner CD zu hören. Danke, Helge! Und es wäre ja auch keine interessante Geschichte geworden, wenn das alles beim ersten Mal ruckzuck über die Telefon-Bühne gegangen wäre.

 

Die geheime Geschichte hinter diesem Foto

Im Mai 1991 stand ich zum letzten Mal gemeinsam mit Helge Schneider zusammen auf der Bühne. Es war bei den ersten beiden Shows der Peter Bursch All Star Band, wo ich als Sänger mitwirkte, und Helge – der damals national gerade richtig durchzustarten begann – hatte bei einigen Stücken kleine Gastauftritte. Wie zum Beispiel: als Gott mit Bierflasche durchs Bild zu latschen, oder mit einer Vespa auf die Bühne zu fahren, oder bei meinem Lou-Reed-Song das Saxophonsolo beizusteuern, oder Akkordeon bei Road to Nowhere von den Talking Heads zu spielen. Der Sänger des letztgenannten Liedes, Kim Merz, meinte vorher zu Helge: “Aber spiel bloß nichts Bayerisches im Intro”. Das ließ Helge sich natürlich nicht zweimal sagen und spielte statt dessen irgendwas Balkanesisches. Hätte Kim überhaupt nichts angemerkt, wäre bestimmt alles ganz glatt verlaufen. Tja, Pech gehabt. Aber ohne diese Verrücktheiten wäre Helge halt nicht Helge, oder? Ich liebe ihn auf jeden Fall dafür.

Und jetzt alle zusammen, ein jeder natürlich in Tempo und Tonart seiner Wahl:
“Happy birthday to you,
happy birthday to you,
happy birthday, lieber Helge,
happy birthday to you”.

Duisburg, 30. August 2015

 

 


Neues vom OTZ Konzern (3)

Der Odds BK, norwegischer Fußballableger des Duisburger OTZ KK (Konzern-Kollektiv), hat in zwei Relegationsspielen um den Einzug in die Europa League gegen Borussia Dortmund 5 Tore geschossen.

Jungs, wir sind sehr stolz auf euch und gratulieren herzlichst!

OTZ Konzern Prokurist Pelikan
Geschäftsstelle Duisburg Neudorf


Zum 70. Geburtstag von Wim Wenders

Auf einer pelikanesischen Top-3-Liste deutschsprachiger Persönlichkeiten, die ich gerne einmal kennenlernen würde, wäre an erster Stelle der Name Wim Wenders zu finden – und das schon seit rund 40 Jahren [die anderen beiden Personen wären die Schauspielerin Johanna Wokalek und der Astrophysiker Harald Lesch]. Getroffen habe ich Wim Wenders nur ein einziges Mal, und zwar vor 4 Monaten … im Traum. Er fuhr mit einem kleinen Auto auf den Parkplatz am Friedhof in Duisburg Wanheimerort, und dort schnappte ich zufällig auf, wie er seiner kleinen Filmcrew gegenüber eine Bemerkung über Oberhemden fallenließ. Und weil meine Wohnung zu Fuß nur zwei Minuten entfernt lag, eilte ich dorthin, um ein Buch zu holen und ihm folgenden Text von Helmut Loeven daraus zu zeigen:

“Also, daß ich so viele Hemden habe, war für mich schon immer ungeheuer beruhigend. Schon oft begann ich von Sorgen geplagt mein Tagewerk und schaute dabei vielleicht auch beiläufig in meinen Schrank, und dann dachte ich: Eigentlich brauche ich mich überhaupt nicht mehr zu fürchten, ich habe ja noch so viele Hemden.”
…………(aus: “Duisburg City Poetry All Stars”, OTZ Verlag Duisburg 1977)

Ich wußte zwar nicht, ob dieser Text Wim Wenders hätte weiterhelfen können, doch schien er mir zumindest einen guten Ansprechgrund zu liefern. Dummerweise hatte ich in der Aufregung aber das falsche Buch eingesteckt (nämlich die Nachfolge-Anthologie “löffelvoll – zum lesen”, OTZ Verlag Duisburg 1979), und so stammelte ich – peinlich berührt – irgendwas von einem falschen Buch vor mich hin, bekam aber dennoch meine Gesprächschance, da ein Mitglied seiner Crew ihn darauf hinwies, daß er noch einige Minuten Zeit habe. Und nachdem unsere Unterhaltung anfänglich etwas holprig verlief, wurde es bedeutend lockerer, als ich Wim erzählte, wie ich durch John Mayalls Song “I’m gonna fight for you J.B.” (von seiner LP “The Turning Point” aus dem Jahr 1969) erstmals den Namen J.B. Lenoir vernommen hatte, mir danach eine Platte von diesem besorgt (“Down in Mississippi”) und so – was auch außerhalb des Traumes genau so geschehen war – meinen auch heute noch absoluten Lieblingsbluessänger gefunden hatte. Und dann unterhielten wir uns weiter über Musik.

Wim Wenders, am 14. August 1945 in Düsseldorf geboren, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbrachte, ging 1967 an die Filmhochschule in München. Zwischen 1970 und ’73 entstanden seine ersten abendfüllenden Filme, doch erst mit seinem vierten Langfilm, dem 1974 in die Kinos gekommenen “Alice in den Städten”, bin ich auf diesen Regisseur aufmerksam geworden. Ich weiß noch, daß mein erster Eindruck von “Alice…” ein etwas irritierter war, weil ich a) in der Ära der Farbfilme keinen Schwarzweiß-Film erwartet hatte und b) keine Geschichte, die so langsam erzählt wird, daß ich sie anfangs überhaupt nicht verstanden habe. Aber wenn es storymäßig erstmal nichts zu “begreifen” gibt, muß man sich halt auf die Bilder einlassen und die dadurch erzeugte Atmosphäre aufzunehmen versuchen, was mir im Laufe des Films immer besser gelang, bis ich ziemlich verzaubert davon war. Und als die Protagonisten zum Ende hin (nachdem die Reise im Süden der USA begonnen hatte) sogar das Ruhrgebiet erreichten (eine Szene spielt tatsächlich im Duisburger Hauptbahnhof – und Kalle Burandt (dem übrigens das Loeven’sche Hemden-Gedicht gewidmet ist) meinte, auch eine Trinkhalle im Duisburger Norden wiedererkannt zu haben), war ich angenehm überrascht.

Zu Wenders’ nächstem Film (“Falsche Bewegung”, 1975) konnte ich dann aber überhaupt keinen Zugang finden, was mich schon sehr enttäuschte, doch mit dem darauf folgenden “Im Lauf der Zeit” (1976) kehrte die Wender’sche Magie (für mich) wieder zurück, und zwar noch wesentlich stärker als bei “Alice in den Städten”.

Danach vergingen allerdings wieder 8 Jahre, bis ein weiterer Wenders-Film mich ähnlich stark für sich einzunehmen vermochte (“Paris, Texas”, 1984), und bei diesem Hin und Her der in meiner Gunst ganz weit oben angesiedelten und mich eher langweilenden Wenders-Filme ist es bis heute geblieben:

Sechs seiner Filme liebe ich über alle Maßen, zwei finde ich immerhin noch okay, und mit dem Rest kann ich nicht viel anfangen. Doch mit diesen 6+2 Filmen ist Wim Wenders zu meinem deutschen Lieblingsfilmregisseur geworden.

Die sechs Filme:
- Alice in den Städten (s/w, 1974)
- Im Lauf der Zeit (s/w, 1976)
- Paris, Texas (Farbe, 1984)
- Bis ans Ende der Welt (Farbe, 1991)
- In weiter Ferne, so nah! (s/w und Farbe, 1993)
- Don’t Come Knocking (Farbe, 2005)

Mir immerhin noch einigermaßen gefallend:
- The Million Dollar Hotel (Farbe, 2000)
- Land of Plenty (Farbe, 2004)

Und wenn ihr bis jetzt den allgemein sehr geschätzten “Der Himmel über Berlin” (s/w und Farbe, 1987) vermißt haben solltet… tja, der berührt mich einfach nicht besonders (zumindest nicht positiv) und gehört deshalb in die Kann-ich-nicht-mit-warmwerden-Schublade, in der die folgenden Streifen versammelt sind:
- Summer in the City (1970)
- Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972)
- Der scharlachrote Buchstabe (1973)
- Falsche Bewegung (1975)
- Der amerikanische Freund (1977)
- Hammett (1982)
- Der Stand der Dinge (1982)
- Der Himmel über Berlin (1987)
- Lisbon Story (1994)
- Am Ende der Gewalt (1997)
- Palermo Shooting (2008)
(Natürlich ist das alles nur eine rein subjektive Beurteilung!)

Sein neuester Film “Every Thing Will Be Fine” erscheint erst im Oktober auf DVD, und weil ich überhaupt nicht mehr ins Kino gehe, kann ich deshalb noch nichts dazu sagen.

 

Wenigstens am Rande möchte ich in diesem Beitrag aber auch noch die Musik in Wenders’ Filmen kurz streifen, wobei ich nicht nur die extra für die jeweiligen Filme geschriebenen Hintergrundsounds meine, sondern auch die vielen Songs, die in einigen seiner Werke zu hören sind und meinem eigenen Musikgeschmack häufig schon sehr nahekommen. Ich besitze eine recht umfangreiche CD-Sammlung, worunter sich aber nur 4 Soundtrack-Alben befinden: “Easy Rider”, “Woodstock”, “Der mit dem Wolf tanzt” und die Musik zum Wenders-Film “Bis ans Ende der Welt”, featuring Can, Lou Reed, Nick Cave, Patti Smith, T-Bone Burnett, Daniel Lanois und andere, nicht zu vergessen die wunderschöne Elvis-Costello-Version des Kinks-Klassikers “Days”.

Eine unerwartete Gemeinsamkeit mit Wenders entdeckte ich schließlich im Jahr 2003 noch, als die von Martin Scorcese präsentierte 7teilige Dokumentarfilmreihe “The Blues” herauskam. Bei einem der Filme hatte Wim Wenders Regie geführt und neben Blind Willie Johnson und Skip James auch meinen (insgesamt nicht so wahnsinnig bekannten) All-Time-Lieblingsblueser J.B. Lenoir porträtiert. Womit sich der Erzählkreis (man erinnere sich an die Lenoir-Erwähnung in meinem Traum zu Beginn) dann wohl geschlossen hätte und mir nur noch übrigbleibt, Wim Wenders für seine vielen magischen Film-Momente zu danken und einen streßfreien Geburtstag und Alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Und wenn er mich noch einmal im Traum besuchen wollte … ich hätte bestimmt immer Zeit für ihn.

Zum Schluß noch ein Wenders-Zitat aus dem Filmtagebuch der Bonus-DVD zu “The Million Dollar Hotel”:
…………“… selbst wenn meine Lieblingseinstellung letztendlich im Schneideraum der Schere zum Opfer fiel. Filmschnitt kann ziemlich grausam sein. Das Erzählen der Geschichte hat aber immer Vorrang vor allem, was bloß schön ist.

 

Nachtrag von Ende Oktober 2015:

Wenders’ aktueller Film “Every Thing Will Be Fine” hat mir gut gefallen und gehört deshalb in die oberste Kategorie, so daß es jetzt also 7 (statt bislang 6) Lieblings-Filme von Wenders für mich gibt.

 


Neues vom OTZ Konzern (2)

Tja,

altersbedingter Gedächtnisschwund macht offenbar auch vor alten OTZ Konzern-Fans nicht halt.


Jetzt offiziell erhältlich!

aber nur bei:
- Pelikan (persönliche Übergabe / oder per Versand plus 2 € für Porto & Co.) E-Mail
- Buchhandlung Weltbühne (Duisburg Neudorf, Gneisenaustr. 226)
- Red Rose Records (Duisburg Mitte, Sonnenwall 36)


Erste Hörbeispiele

Rag” – mit Mirko van Stiphaut und Daniel Basso:
rag.mp3

Schlechte Karten” - Pelikan solo:
karten.mp3

Down in Blues City” – mit Duisburg City Rock ‘n’ Roll All Stars:
blues.mp3

 


Doppel-CD (Aufnahmen von 1975 – 2014)
- 32seitiges Booklet mit
62 Fotos
- Geschichten zu jedem einzelnen Song
-
Preis: 17,50 €

 

Disc 1:..A.S.H. Pelikan & Friends
 1) Canyons Of Your Mind  (Vivian Stanshall) – mit Rolf Maibaum
 2) Rag  (Pelikan) live – mit Daniel Basso & Mirko van Stiphaut
 3) Hot Water  (Francis Serafini) – mit Francis Serafini
 4) At Down Street Palace Café  (Pelikan)
 5) She Makes My Heart Beat  (Pelikan) – mit Al & The Hollywood Rats
 6) Forget It  (Pelikan) – mit Knut Abel
 7) More Trouble Every Day  (Frank Zappa) live – mit Rolf Maibaum
 8) Strawberry Fields Forever  (Lennon/McCartney) live – mit Su Pechmann
 9) Schlechte Karten  (Pelikan)
 10) Große Liebe, jede Wette  (Pelikan)
 11) Dimming Of The Day  (Richard Thompson) live – mit Anja Lerch & Jupp Götz
 12) Big Leg Emma  (Frank Zappa) live – mit Lucky & Rolf
 13) Happy Birthday To Sören  (Hill/Hill/Coleman) live – mit Steinbruch Publikums-Chor
 14) Birthday  (Lennon/McCartney) live – mit Lucky & Rolf
……….Bonus Tracks:
 15) Jingle 1  (Pelikan)
 16) Ansage  (Pelikan) live
 17) Irgendwohin entführt  (Pelikan) live
 18) Schlechte Karten (Reprise)  (Pelikan) live
 19) Trippin’ Down Your Alley  (Francis Serafini) – mit Francis Serafini
 20) Come On, Baby  (Francis Serafini) – mit Francis Serafini
 21) Hanginaround  (Duritz/Vickrey/Mize/Bryson) live – mit Lucky & Rolf

 

Disc 2:..Duisburg City Rock ‘n’ Roll All Stars
mit SchnuffGeorg MahrLucky Ruhnau, Frank Sternhagel & Congo Johnson 
 1) Blue Suede Shoes  (Carl Perkins)
 2) Boogie Woogie Lullaby  (Nick Pickett) live
 3) Mighty Nights & Depri Music  (Pelikan) live
 4) Disco Blues  (Pelikan) live
 5) Fun In Acapulco  (Sid Wayne/Ben Weisman) live
 6) Down In Blues City  (Pelikan)
 7) Rock ‘n’ Rotz  (Pelikan)
 8) Born Under A Bad Sign  (Booker T. Jones/William Bell) live
 9) One More Go Round  (James Taylor) live
 10) Don’t Change Horses  (J. Watson/L. Williams) live
 11) Mony Mony  (James/Gentry/Cordell/Bloom) live
……….Bonus Tracks:
 12) Jingle 2  (Pelikan)
 13) Je t’aime … moi non plus  (Serge Gainsbourg) live
 14) Darktown Strutter’s Ball  (Shelton Brooks) live
 15) Amazonas  (Pelikan)
 16) Afrika  (Pelikan)
 17) Dschungel  (Pelikan)

 

Mehr Hörbeispiele, Songtexte und Weiteres


Neue Pelikan-CD im Anflug

25. März 2015

Endlich ist – mit etwa anderthalbjähriger Verspätung – Pelikans neue CD in Vervielfältigungsproduktion gegangen und wird im April 2015 auf dem Duisburger Markt (aber auf welchem?) erwartet.

 


 

- Die Falsch abgebogen” betitelte Doppel-CD wird den Abschluß von Pelikans sechsteiliger (seit 2008 herausgegebener) Lieder- und Bandwerkschau darstellen.

- Sie enthält 37 Stücke, darunter auch die erstmalig auf CD veröffentlichten Pelikan-Klassiker “Down in Blues City” und “Schlechte Karten”. Disc 2 ist den Duisburg City Rock ‘n’ Roll All Stars vorbehalten. [Achtung: Das ist nicht die Burschcombo ähnlichen Namens, sondern Pelikans 1977 gegründete erste Rockband.]

- Die Solo-, Duo-, Trio-, Quartett-, Quintett- und Sextett-Aufnahmen dieses Albums sind zwischen April 1975 (Tonstudio in Berlin) und Oktober 2014 (Tonstudio in Sevelen) gemacht worden, bestehen zum überwiegenden Teil aber aus Liveaufnahmen aus Duisburg (Bürgerhaus Neumühl, Buschbrand, Eschhaus, Grammatikoff, Hundertmeister, Steinbruch, Technologie-Zentrum) und Wuppertal.

- Die mitwirkenden Musiker sind:
Knut Abel (percussion, grand piano, vocals)
Stefan Aust (drums)
Daniel Basso (vocals)
Tom Dudda (bass)
Mike Gosen (drums)
Jupp Götz (vocals)
Congo Johnson (guitar, vocals)
Willi Kissmer (guitar)
Anja Lerch (vocals)
Georg Mahr (keyboards)
Rolf Maibaum (guitar, bass, vocals)
Frank “Sternhagel” Marth (guitar, vocals)
John Mernit (drums)
Su Pechmann (viola)
A.S.H. Pelikan (guitar, vocals, mouth organ, recorder)
Mani “Slowfoot” Roßmann (guitar)
Lucky Ruhnau (drums)
Helge Schneider (vocals)
Francis Serafini [† 2011] (guitar, vocals, mouth organ)
Steinbruch-Publikums-Chor (vocals)
Mirko van Stiphaut (guitar)
Michael “Schnuff” Strohm (bass, vocals)
Dave Taylor (bass)
Jim Whittemore (guitar, piano)

- Die CD enthält ein 32seitiges Booklet mit Geschichten zu jedem einzelnen Song und mehr als 60 Fotos.