Gedicht für Tina

Im Juni 2016 habe ich erfahren, daß Tina Hellebrand (geb. Eberlein) vor ein paar Monaten im Alter von 50 Jahren gestorben ist.

Ich hatte Tina 1981 im Eschhaus kennengelernt, als sie einen meiner dortigen Gitarrenkurse besuchte. Diese Kurse sahen damals noch ein wenig anders aus als heute, denn weil mein Lieder-Repertoire in der Eschhauszeit so gut wie keine Cover-Versionen beinhaltete, war mein Unterricht fast ausschließlich auf pelikanesischen Eigenkompositionen aufgebaut. Da die meisten dieser Lieder einen autobiographischen Hintergrund besaßen, redeten wir zwischen den Übungseinheiten auch schon mal über ihre textliche Komponente, was ein viel persönlicheres Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern hat entstehen lassen, als es heutzutage in meinen Volkshochschulkursen der Fall ist. Und so kam es, daß die sehr aufgeweckte 15-jährige Tina (nur entspannt in eine Kamera zu schauen hatte sie damals nicht drauf) und der noch lange nicht erwachsen gewesene 27-jährige Pelikan recht gute Freunde geworden sind, die einander auch außerhalb des Gitarrenkurses häufig getroffen haben.

Eines abends im Eschhaus sagte ich mal zu ihr: “Du, sollen wir nicht in 10 Jahren heiraten?” – “Gute Idee”, antwortete sie, “aber wen?”, und lächelte mich verschmitzt an.
mmDoch es sollten weit weniger als 10 Jahre vergehen, bis Tina ihren Traummann in Person des Duisburger Künstlers Andy Hellebrand fand, und weil sie und ich auch über die Eschhauszeit hinaus miteinander befreundet geblieben sind, ist dann auch Andy einer meiner geschätzten Bekannten geworden.

In den 90er Jahren brauchte ich für eine Konzertaufführung von Bill Ramseys “Canary Blues” in der Säule mal einen piepsenden Kanarienvogel. Da ich einen solchen aber weder besaß noch ihn durch ein (zurecht auch den Tierschutzverein auf den Plan gerufen haben würdendens) brutales Quetschen im Refrain des Liedes zu den benötigten Piepsern “bewegen” wollte, entschied ich mich lieber für Kinderspielzeug. Weil ich selbst aber keine Kinder hatte, mußte ich in meinem Bekanntenkreis auf die Suche gehen, bin dann im Kinderzimmer von Tinas Tochter fündig geworden und habe für meinen Auftritt ein kleines braunes Quietsche-Bärchen geliehen bekommen … dessen gequetschten Einsatz man übrigens auf der CD “A.S.H. Pelikan – Besser als nichts” verfolgen kann.

Einige Monate zuvor: Ich hatte im Steinbruch eine Art Comeback-Konzert, nachdem ich (wegen meiner Midlife-Krise oder so) mehr als anderthalb Jahre lang nicht mehr öffentlich aufgetreten war. Daß es mir damals nicht richtig gut ging, bezeugte auch mein sieben Monate alter Vollbart, hinter dem ich mich (und meine Unsicherheit) in dieser Zeit zu verstecken versucht hatte. “Was hast du denn gemacht?” ist einmal der spontan-entgeisterte Kommentar einer alten Freundin gewesen, die mich ein Jahr oder länger nicht mehr gesehen hatte. ["Nix", hatte ich übrigens geantwortet.]
mmUnd ähnlich muß es auch Tina ergangen sein, als sie meiner vor dem Konzert, das sie mit Andy zusammen besuchte, ansichtig wurde, denn sie schaute sich meinen Rauschebart ein paar Sekunden lang prüfend an, schüttelte dann langsam den Kopf und sagte in ernsthaftem Ton: “Versprich mir, daß du den wieder abrasierst.” – “Okay, mach ich”, erwiderte ich leichthin … und freute mich schon auf ihr Gesicht in einer guten Stunde. Seit Wochen hatte ich nämlich vorgehabt, mir den Bart in der Pause dieses Konzertes komplett abzunehmen, was ich mit Hilfe eines Freundes und seiner Haarschneidemaschine dann auch ungesehen in einem Hinterzimmer in die Tat umsetzte. Und so ging ich zum 2. Teil des Programms leicht verändert wieder auf die Bühne und tat so, als wenn überhaupt nichts passiert wäre. Tina war begeistert.

Zu Ende des Jahrhunderts bezogen die Hellebrands schließlich ihr neues Domizil mit Raum für eine Kunstgallerie am Philosophenweg, wo ich auch einige Male gewesen bin; zuletzt vor 5 Jahren, als ich Tina eine meiner CDs vorbeibrachte, weil sich darauf auch 10 Lieder befanden, die von meinem Eschhaus-Konzert im Oktober 1980 stammten, bei dem sie mich wahrscheinlich zum ersten Mal live gesehen hatte (was vielleicht auch den Anstoß dazu gab, im neuen Jahr in meinen Gitarrenkurs zu gehen) und das sie immer den “20-Pfennig-Auftritt” nannte. Ich hatte nämlich pro Person nur 20 Pfennig Eintritt genommen, um dem weltweiten Alles-wird-teurer-Trend mal energisch entgegenzuwirken – was den Trend letztendlich aber nicht die Bohne gekümmert hat.

Und was fällt mir sonst noch ein? Ach ja: Im Mai des Jahres 2000 kam mir mal die verrückte Idee, zum nächstwöchigen Geburtstag meiner damaligen (und auch wieder heutigen) Lieblingsfrau ein ca. 2 x 2 Meter großes Labyrinth-Puzzle zu basteln. Nur hatte ich leider überhaupt nicht den benötigten Platz dafür, und wenn das Geschenk also realisiert und auch pünktlich fertig werden sollte, brauchte ich dringend einen Ort mit deutlich größerer Grundfläche als der meines Zimmers, der auch nicht mit allzu vielen Möbeln vollgestellt sein durfte und den ich für mindestens einen Tag (am Ende benötigte ich derer zwei) mit Beschlag belegen müßte. Und geholfen haben mir in der Situation dann Tina und Andy, die mir ohne eine Sekunde zu zögern ihren (damals noch nicht eröffneten) Atelier & Galerie-Raum dafür zur Verfügung stellten.
mmUnd spätestens an dieser Stelle wird mir wieder mal klar, wie arm wir doch ohne solche Freunde wären, die einem auch dann noch zugeneigt sind, wenn man nicht ständig miteinander zu tun hat.

In meinem 1981er Tagebuch (das Jahr, in dem ich sie kennenlernte) wird Tina in mehr als 2 Dutzend Einträgen erwähnt. Hier ist einer davon.
Freitag, 17. Juli 1981:
mm“Heute morgen eine Lesung in Rheinhausen gehabt. Danach habe ich mich in Duisburg absetzen lassen und prompt die Tina getroffen. Wir waren Eis essen, Bücher gucken, ein Hemd abholen und Schuhe kaufen. War toll, hat viel Spaß gemacht. Und morgen gehe ich mit ihr auf eine Party.”

Und noch zwei Sätze aus einem Brief an Tina aus dem darauffolgenden Jahr:
mmErster Satz: “Tina Darling, ich habe von dir geträumt heute nacht, und zwar, daß ich dich kennenlernen würde. Du warst genau so, wie du bist, nur kannte ich dich halt noch nicht.”
mmLetzter Satz: “…ich kann Menschen im Augenblick einfach nicht besonders gut ertragen. Doch du bist eine Ausnahme, mit dir treffe ich mich sogar noch nachts im Traum.”

Ich habe in jenen Tagen auch mal ein Lied für Tina komponiert, das leider aber nicht zu meinen guten zählte, so daß ich es insgesamt auch nur zweimal live gespielt habe. An die Musik kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, während mir vom Text immerhin noch die letzten beiden Refrainzeilen im Gedächtnis geblieben sind: “… and here comes Tina, dancing right into my heart.” – Und dort wird sie auch auf ewig ihren Platz behalten.

Und nachfolgendes Gedicht habe ich am 1. August 1981 um 4 Uhr nachts für sie geschrieben:

sei lieb
und lächele
wie gestern nachmittag
und werd schnell
10 jahre älter
oder 5
aber bleib nicht
so lange 15
lächelnd
wie gestern nachmittag